ANGELA BURKHARDT-GUALLINI

NERIAGE - KERAMIK

DE

NERIAGE - eine Technik mit unendlichen Variationsmöglichkeiten

Dr. Brigitta Neumeister-Taroni,  Zürich,  erschienen 2007


Die Schweizerin mit italienischen Wurzeln - die sie bis heute prägen - ist eine von nur wenigen, die sich in der westlichen Hemisphäre ganz der aus Japan stammenden uralten Neriage-Technik widmen und dabei zu einer eigenständigen Form auf höchstem Niveau gefunden haben. Sie wurde dafür mit zahlreichen Auszeichnungen belohnt, unter vielen anderen 2005 anlässlich des 7th International Ceramics Competition Mino in Japan mit dem Bronze Award.


Eine Begegnung mit Mitsuya Niiyama, dem japanischen Maler, Kalligraphen, Keramiker und Dichter, im Jahr 1984 hat in ihr den entscheidenden Impuls ausgelöst. Er zeigte ihr ein kleines, gemustertes Keramikplättchen, und es durchfuhr sie wie eine lange ersehnte Erkenntnis. Zu dem Zeitpunkt führte sie bereits seit einigen Jahren ein eigenes Atelier, hatte sich den Weg autodidaktisch bis hin zur Professionalität erarbeitet. Nun kam dieses gewisse Etwas hinzu, das den Unterschied zwischen Beruf und Berufung ausmacht. Nicht allein die Neriage-Technik mit ihren unendlichen Variationsmöglichkeiten zog sie auf Anhieb in ihren Bann, sondern auch die Meisterschaft dieses bescheidenen Japaners, der wie sie nie einen Lehrmeister hatte, außer der Natur. Das faszinierte sie - und stärkte ihr Selbstbewusstsein.


Neriage heißt eine japanische Technik, bei der verschieden gefärbte Porzellanmassen zu Schichten gewalzt, gegeneinander mit Schlicker verpinselt, mehrmals geschnitten, erneut zusammengesetzt und schließlich gebrannt werden. Sie ist ebenso vielfältig wie komplex im Ausdruck. Angela Burkhardt-Guallini hat aus diesem breiten Spektrum eine eigenständige, persönliche Linie bis zur Perfektion entwickelt und folgt ihrem Weg konsequent.

Neriage Keramik

Wesentliche Merkmale sind klare, geometrische Muster, eine Beschränkung in den Farben, moderne, zeitlose Formen sowie eine warme, schmiegsame Oberfläche. Die bewusst erarbeitete Reduktion erlaubt ihr die volle Konzentration auf das Wesentliche.


Bei der Neriage-Keramik wird nichts aufgemalt, Ober- und Unterseite der Ware sind also gleich. Und doch, sagt Angela Burkhardt-Guallini, gehöre es zu den bewegendsten Augenblicken ihrer Arbeit, wenn sie ein Stück zum ersten Mal von der Form abhebe, auf der es getrocknet ist. Denn da begegne ihr gleichsam ein anderes Gesicht als jenes, das sie während des Trocknens mit grosser Sorgfalt und Aufmerksamkeit begleitet habe.

Sie arbeitet ausschließlich mit feinstem Porzellan. Und sie scheut sich nicht, auch auf die praktischen Vorteile hinzuweisen. Ihre Objekte sind spülmaschinenfest, also unkompliziert im Gebrauch, und können am täglichen Leben der Menschen aktiv teilnehmen. Ihrer Schönheit tut dies in keiner Weise Abbruch, im Gegenteil. Den Porzellanton färbt Angela Burkhardt-Guallini mit verschiedenen Farbkörpern selbst ein.


Nach dem Vorbereiten, Gestalten und Trocknen brennt sie ihre Arbeiten, dies mehrmals, bei jeweils etwa 100 Grad höherer Temperatur; der Schlussbrand erfolgt bei 1260 Grad. Dazwischen schleift sie mit immer feineren Mitteln, zuletzt ist es nurmehr ein sanftes Polieren mit weichen Filzpads.

Vergleicht man ihre früheren mit den späteren Arbeiten werden zwar die Treue zu ihrer „Linie", zur Kraft des Beständigen, aber auch Unterschiede deutlich. Ihre frühen Arbeiten zeichnen sich durch eine Genauigkeit aus, die staunen lässt, wenn man die Tücken bedenkt, die die Neriage-Technik bereithält. Sie erinnern an Konkrete Malerei, der ja nichts „wirklicher ist als eine Linie, eine Farbe oder eine Fläche", wie es Theo van Doesburg schon 1924 formuliert hat. Perfekt sind die Muster aufeinander abgestimmt, es schwindelt einen bei der Vorstellung, welche Konzentration dafür aufgebracht und über lange Zeit erhalten werden muss. 1999 gab es noch leuchtende Farbkontraste, Gelb und Schwarz, aber auch Weiß, kombiniert mit Rot oder Blau. Die Muster sind sehr dekorativ, modern: Quadrate, Rechtecke, Streifen, immer zweifarbig, abwechselnd, gespiegelt, im Zickzack laufend, breiter und schmaler, hälftig geteilt.

Neriage Ceramics

Bis 2005 hat sich die Palette auf Anthrazit, Weiß und Grau reduziert, dafür sind die Muster feiner geworden, die strenge Geometrie hat sich gelockert: Geschwungene, schmale Linien, wechselnd schmale und breitere Streifen - Gräser fallen einem ein, gebänderte Felsen, Schlagschatten an einem Spätsommerabend. Ihre neueren Arbeiten sind spürbar stärker von der Natur angeregt.